Nr. 41
SherlockMS und der Fall der Gummischlange
Ich saß wie es sich für einen denkenden Menschen gehört in meinem Zimmer in London, die Beine elegant übereinandergeschlagen, den Blick ins Nichts gerichtet. Draußen tropfte Regen gegen die Scheibe, als würde die Stadt selbst Morsezeichen senden: Verbrechen. Verbrechen. Verbrechen.
Natürlich dachte ich über Kriminalfälle nach. Nicht über die ordinären, bei denen jemand einen Ring stiehlt und dann überrascht ist, dass man ihn findet. Nein, ich dachte über die raffinierten Fälle nach. Die, bei denen der Täter im Kopf sitzt und die Spuren nur in Signalen auftauchen.
Da klopfte es. Dreimal. Zögerlich. Wie jemand, der weiß, dass er meine Zeit stiehlt und hofft, ich merke es nicht. Ein Kurier reichte mir einen Umschlag: „Dringend. Forschungszentrum. Scannerraum. Unerklärliche Angstreaktionen.“
Ich lächelte. „Unerklärlich“ ist das Wort, das Menschen benutzen, wenn sie keine Lust haben, genau hinzusehen.
Der Tatort: ein Scannerraum, ein Tier – und eine merkwürdige Ruhe
Ich betrat das Institut wie ein Richter den Gerichtssaal: ohne Eile, aber mit der unausgesprochenen Drohung, dass gleich jemand in Tränen ausbricht.
Die Forschenden führten mich in einen Raum mit zwei Hauptdarstellern:
- einem MRT/PET-Setup, geschniegelt wie ein Opernsänger,
- und einer Schlange im Terrarium, die aussah, als hätte sie schon bessere Tage gesehen oder bessere Beute.
„Wir exponieren Probanden schrittweise“, erklärte eine Assistentin. „Wie in einer Mini-Expositionstherapie. Näher ran, wieder weg, wieder näher…“
„Ja“, sagte ich. „Menschen nennen es Therapie. Das Gehirn nennt es Belagerung.“
Dann kam der Satz, der diesen Fall erst zu einem Fall machte: „Einige reagieren massiv: Pupillen groß, Herz rast. Andere… nicht. Und die Bildgebung zeigt Dinge, die wir verschieden interpretieren. Manche behaupten sogar, jemand würde… opioidartig manipulieren.“
Ich hob eine Augenbraue. „Sie meinen: jemand hat die Angst mit einer pharmakologischen Decke zugedeckt?“ „Genau!“ Ich seufzte. „Wie kreativ. Und wie falsch. Zeigen Sie mir Ihre Spuren.“
Die erste Spur: Pupillen lügen selten
Ich ließ mir die Pupillendaten zeigen. Bei naher Schlange: deutliche Erweiterung. Bei entfernter Schlange: weniger. Beim harmlosen Kontrollobjekt: fast nichts.
„Sehen Sie“, sagte ich und tippte auf die Kurven, „das ist keine Theateraufführung. Das ist autonomes Nervensystem in Reinform. Keine Diskussion. Pupillen sind wie schlechte Schauspieler: sie können nicht überzeugend lügen.“ Die Forschenden nickten eifrig, weil Nicken einfacher ist als Denken.
Die zweite Spur: Das Gehirn macht sich bereit – nicht nur panisch
Dann kamen die fMRI-Bilder. Und hier wurde es hübsch. Wenn die Schlange näher kam, sah man nicht einfach „Angst“. Man sah Vorbereitung:
- Hirnstamm-Abwehrkreise: uralt, schnell, kompromisslos.
- Thalamus: der Türsteher, der entscheidet, was durchkommt.
- Aufmerksamkeitsnetzwerke: Achtung, Achtung, Gefahr hat VIP-Status!
- Und herrlich unterschätzt Motor- und Prämotorik: das Gehirn probt den Sprint, bevor der Mensch überhaupt weiß, dass er rennen will.
Ich sagte laut: „Das ist kein ‘Ich fühle Angst’. Das ist ‘Ich bin gleich weg’.“
Eine junge Doktorandin flüsterte: „Aber… sollte nicht die Amygdala—“ „Ah“, unterbrach ich, „die berühmte Amygdala, das Maskottchen jeder PowerPoint-Folie. Die Amygdala ist wichtig, ja. Aber ich empfehle dringend, nicht jedes Gefühl wie einen schlecht sortierten Werkzeugkasten zu behandeln: Hammer = Angst, Schraubenzieher = Freude. Das Gehirn ist subtiler als Ihre Lehrbuchgrafiken.“
Die dritte Spur: Der Opioid-Alibi-Trick
Nun zum eigentlichen Skandal. Man hatte eine PET-Messung mit einem Liganden gemacht, der an μ-Opioidrezeptoren bindet; ich nenne sie gern die „Beruhigungs- und Bindungs-Schalter“ des Gehirns. Nicht, weil sie immer beruhigen (tun sie nicht), sondern weil Menschen sich das gern einreden.
Und nun das Merkwürdige: Während der Bedrohung zeigte das System mehr Bindung des Liganden an diese Rezeptoren.
Ein Teil des Teams sagte: „Aha! Mehr Opioid-Aktivität! Der Körper flutet sich mit Endorphinen!“
Ich lachte so leise, dass es noch erniedrigender war. „Nein. Das ist der klassische Denkfehler. Ein Anfängerfehler. Ein Fehler, der in London Karrieren ruiniert.“
Ich erklärte es so, dass selbst ein gestresster Forscher es begreifen konnte:
- Wenn viel körpereigenes Opioid ausgeschüttet wird, sind die Rezeptoren bereits besetzt → der PET-Ligand findet weniger freie Plätze.
- Wenn weniger körpereigenes Opioid unterwegs ist, sind mehr Rezeptoren „frei“ → der PET-Ligand bindet stärker.
„Mit anderen Worten“, sagte ich, „bei akuter Bedrohung zieht sich das opioide Beruhigungssystem eher zurück. Nicht, weil das Gehirn dumm ist. sondern weil es Ressourcen mobilisiert: Wachheit, Muskeltonus, Fokus. Für ‘Kuschelmodus’ ist später Zeit.“ Die Doktorandin sah aus, als hätte ich ihr gerade die Kindheit gestohlen.
Der Täter: Nicht die Schlange. Nicht die Probandin. Sondern die Zeit
Aber warum reagierten manche stärker, manche schwächer?
Hier wird es elegant: Es gibt Menschen mit unterschiedlicher Grundausstattung im Opioidsystem, nennen wir es „Baseline-Tonus“. Manche haben mehr verfügbare μ-Rezeptoren, manche weniger.
Und jetzt kommt die Pointe, die ich persönlich sehr genieße:
- Wer mehr dieser Rezeptor-Verfügbarkeit hat, zeigt stärkere akute Hirnreaktionen auf Bedrohung (ja, stärker – nicht schwächer).
- Und gleichzeitig sagt diese Grundausstattung etwas darüber aus, wie sich die Reaktion über wiederholte Exposition verändert: das Gehirn passt sich an, habituert, aber nicht bei allen gleich.
„Das ist“, sagte ich, „wie zwei Menschen in derselben Stadt bei demselben Alarm: Der eine hört’s, reagiert sofort und lernt dann schnell die Sirenen zu ignorieren.
Der andere reagiert flach und bleibt trotzdem innerlich angespannt.
Sie dürfen nicht nur den Ausschlag sehen. Sie müssen die Dynamik lesen.“
Der Twist: Die Schlange war… gar nicht echt
Ich ging zum Terrarium, beugte mich vor, betrachtete die Schlange und lächelte.
„Wissen Sie“, sagte ich, „ich schätze Ihre Sicherheitsmaßnahmen. Sehr… pragmatisch.“
„Wie meinen Sie?“
Ich zeigte auf das Setup, den Blickkontakt messerscharf. „Sie haben doch im Scanner nicht die echte Schlange benutzt. Stimmt’s?“
Stille. Ein Forscher räusperte sich. „Nun ja… aus praktischen Gründen—“ „Schon gut“, unterbrach ich. „Es ist genial. Und gleichzeitig der schönste Teil dieses Falles:
Die Angst war real, obwohl die Schlange es nicht war.“
Ich ließ die Worte im Raum hängen wie den Geruch von Ozon nach einem Gewitter. „Das Gehirn“, sagte ich, „arbeitet nicht mit ‘ist echt’ oder ‘ist unecht’. Es arbeitet mit Bedeutung, Nähe, Kontrollverlust. Ein Gummischlauch kann genügen, wenn er im richtigen Moment im richtigen Abstand auftaucht.“
Schluss: Ich löse den Fall – und das Gehirn bleibt trotzdem erstaunlich
Am Ende stand die Lösung glasklar:
- Akute Bedrohung aktiviert nicht nur „Angst“, sondern Abwehr, Aufmerksamkeit und Motorvorbereitung.
- Das μ-opioide System verhält sich dabei nicht wie eine warme Decke, sondern eher wie ein Regler, der in der Hitze des Moments zurücktritt, damit der Organismus maximal scharf geschaltet ist.
- Und die Unterschiede zwischen Menschen liegen nicht nur im „Wie stark“, sondern im „Wie verändert es sich über Wiederholung“.
Ich verließ das Institut, als hätten sie mir gerade einen Fall geschenkt, der zu hübsch war, um wahr zu sein. London roch nach Regen und Möglichkeiten.
Später saß ich wieder in meinem Zimmer, natürlich. Ich sah in die Flammen und sagte nur halb zu mir selbst: „Die meisten glauben, Mut sei das Gegenteil von Angst. Wie unerquicklich. Mut ist oft nur Angst mit funktionierender Motorik… und einem Opioidsystem, das weiß, wann es schweigen muss.“
Euer SherlockMS




