Dieser Cartoon hat eigentlich nur einen kleinen Fehler: Der Patient hat noch Stellen am Körper frei. Smartwatch, Smartphone, Sensoren an Armen und Beinen. Irgendwo blinkt etwas, irgendwo vibriert etwas, irgendwo macht es „Piep“. Daneben sitzt der Arzt vor einer Monitorwand voller Kurven, während die künstliche Intellligenz rechts wie ein freundlicher digitaler Geist schwebt und offenbar als Einzige behauptet, noch den Überblick zu haben.
Die Idee dahinter ist trotzdem ziemlich klug. Multiple Sklerose findet schließlich nicht nur beim Kontrolltermin in der Ambulanz statt, sondern im Alltag: beim Gehen, Tippen, Schlafen, Arbeiten oder Treppensteigen. Wearables und digitale Biomarker könnten aus dem klassischen medizinischen Schnappschuss einen Film machen. Schrittzahl, Gehgeschwindigkeit, Aktivität, Feinmotorik oder Schlafmuster liefern Informationen darüber, was zwischen zwei Arztterminen passiert. Das Problem ist nur: Ein Film produziert erheblich mehr Daten als ein Foto. Und mehr Daten bedeuten nicht automatisch mehr Wissen. Wenn jemand heute weniger Schritte geht als gestern, kann das Progression sein oder Regen.
Genau hier kommt die KI ins Spiel. Nicht als Ersatz für den Arzt, sondern als Filter. Sie könnte Tausende Messwerte durchsuchen, Trends erkennen und am Ende nur sagen: „Hier verändert sich etwas. Bitte genauer hinschauen.“ Das wäre wahrscheinlich die eigentliche intelligente Leistung: nicht noch mehr Daten zu produzieren, sondern aus dem Datenrauschen wenige relevante Signale herauszufiltern. Denn niemand möchte, dass der Arzt morgens zunächst 284.319 Sensormessungen persönlich begrüßen muss.
Der Cartoon zeigt damit sehr schön die Chance und zugleich die Gefahr digitaler Medizin. Wir wollten den Patienten besser verstehen und könnten am Ende so viele Bildschirme aufstellen, dass wir ihn kaum noch sehen. Gute Digitalisierung müsste deshalb genau das Gegenteil erreichen: Computer messen, Algorithmen sortieren, KI filtert – und Menschen reden miteinander.
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des September-Motivs: Wenn irgendwann weniger Geräte „Piep!“ machen und Arzt und Patient dafür wieder mehr miteinander reden können, dann haben wir die Digitalisierung tatsächlich verstanden.