Nr. 43
SherlockMS und der Fall der gestohlenen Isolierung
Ich saß in meinem Zimmer in der Baker Street. Natürlich saß ich dort. Wo sonst sollte die Krönung der Schöpfung residieren, wenn sie über Verbrechen nachdenkt, die so klein sind, dass sie nur unter dem Mikroskop schreien? 👑🧠
Mein Bruder Sherlock Holmes jagt Taschendiebe und Ehemänner mit Doppelleben. Nett. Ich hingegen jage Täter, die Synapsen flüstern lassen, Barrieren aufweichen und Zellen zu Komplizen machen. Das ist nicht nur Detektivarbeit, das ist Hochkultur.
An diesem Abend lag ein Umschlag auf dem Tisch. Kein Wachsiegel, keine Dramatik; nur ein Satz: „Unstillbares Erbrechen. Sehverlust. Querschnittsymptome. Bitte kommen.“ Ich hob eine Augenbraue. „Aha“, sagte ich. „Ein Fall, bei dem die Täter nicht rennen : Sie strömen.“
Der Tatort: Ein Körper, drei Alarme
Im Krankenhaus roch es nach Desinfektion und vorschnellen Schlussfolgerungen. Die Patientin - nennen wir sie Mrs. P. - sah aus, als hätte sie mit der Welt gerungen und knapp verloren:
- Übelkeit und Erbrechen, als hätte jemand den „Stop“-Knopf des Brechzentrums ausgebaut
- Sehstörung, schmerzhaft, dramatisch
- Beinschwäche, die sich nicht mit „schlecht geschlafen“ erklären ließ
Ein Assistenzarzt sagte: „Vielleicht psychosomatisch?“
Ich sah ihn an, als hätte er mir angeboten, London anhand von Postkarten zu verstehen. „Mein lieber Freund“, sagte ich, „wenn das Gehirn Alarm schlägt, ist das selten Theater. Es ist eher… Logistik.“
Die ersten Verdächtigen: Polizei, Bauamt, Müllabfuhr
Ich beginne jeden Fall mit einer einfachen Regel: Wer hält die Stadt am Laufen?
Im Gehirn sind das nicht nur Neuronen. Neuronen sind die aristokratischen Redner: laut, wichtig, aber abhängig.
Die eigentlichen Stadtarbeiter sind andere:
- Astrozyten: das Bauamt + Versorgungswerke + Grenzschutz in einem
- Mikroglia: die Polizei, manchmal hilfreich, manchmal… temperamentvoll
- Oligodendrozyten: die Isolierer der Kabel, sehr fleißig, sehr beleidigt, wenn man sie ignoriert
Und ich? Ich bin der Einzige, der sie alle verhören kann.
Die Spur im Wasser: AQP4 und die Schleusenwärter
Ich ging zuerst dorthin, wo niemand hinsieht: zur Wasserverwaltung des Gehirns. Astrozyten besitzen nämlich eine Spezialausrüstung: Endfüßchen: kleine „Manschetten“, die Blutgefäße umarmen. Damit helfen sie, die Blut-Hirn-Schranke dicht zu halten.
Und in diesen Endfüßchen sitzt ein Star unter den Wasserkanälen: Aquaporin-4 (AQP4). Ein Schleusenprotein. Ein echter Profi.
Wenn diese Schleusen intakt sind, läuft der Verkehr. Wenn nicht… dann wird’s London im Berufsverkehr, nur mit Flüssigkeit und Immunzirkus.
Ich fragte: „Hat sie Attacken im Bereich Brechzentrum? Hirnstamm?“
„Ja“, sagte die Oberärztin. „Bildgebung: auffällig in einer Region, die… schnell Probleme macht.“
Ich nickte. „Area postrema.“ Das ist der Ort im Gehirn, der ohnehin etwas „leck“ sein darf, damit er Blut-Signale wahrnimmt. Ein natürlicher Hintereingang. Und Hintereingänge sind ideal für Täter.
Der Täter tritt auf: Ein Angriff auf die Schleusen
„Also“, sagte ich, „wir haben Sehstörung, lange Rückenmarkssymptome und Hirnstamm/Area-postrema-Theater. Das ist kein gewöhnlicher Taschendiebstahl. Das ist ein gezielter Anschlag.“
Die eigentliche Frage: Wer greift wen an?
Manche Krankheiten sind wie Kneipenschlägereien: Entzündung überall, jeder gegen jeden. Dieser Fall aber roch eher nach: Auftragsarbeit. Und dann kam es, wie es kommen musste: Die Labordaten flüsterten das Wort, das ich bereits schmecken konnte: AQP4-Antikörper.
Ich lächelte dünn. „Da ist er also. Der Täter ist nicht die Nervenzelle. Nicht einmal das Myelin. Der Täter zielt direkt auf… das Bauamt.“
Denn wenn Antikörper AQP4 markieren, kommt der brutale Komplize: Komplement. Das ist keine feine Ermittlungsbehörde; das ist ein Presslufthammer.
Und wenn Astrozyten sterben, sterben andere oft hinterher, nicht weil sie „auch schuldig“ sind, sondern weil ihnen plötzlich metabolische Unterstützung fehlt. Oligodendrozyten kippen, Myelin leidet, Axone verlieren Versorgung. Domino, aber in biologisch.
„Die Übelkeit“, erklärte ich, „ist kein Zufall. Wenn der Angriff Orte trifft, die ohnehin leichter zugänglich sind, bekommen wir genau solche Symptome.“
Der Assistenzarzt fragte: „Warum trifft es nicht einfach überall? AQP4 gibt’s doch überall.“ Ich lehnte mich vor. „Weil selbst Täter Vorlieben haben – und weil nicht jede Straßensperre gleich gebaut ist.“
Der Twist: Astrozyten sind nicht immer Opfer
Gerade als alle erleichtert waren („Aha, Diagnose! Fall gelöst!“ – wie ich diese Naivität liebe), klopfte die nächste Akte an die Tür.
Ein anderer Patient, diesmal aus der MS-Ambulanz: „Keine neuen Schübe, aber schleichende Verschlechterung. Und ein Biomarker auffällig.“
Ich blätterte. GFAP im Blut erhöht. Ich grinste. „Wunderbar. Jetzt wird’s literarisch.“
GFAP ist wie ein Fasergerüst in Astrozyten, eine Art Arbeitskleidung/Innengerüst. Wenn Astrozyten stark reagieren oder Schaden nehmen, kann GFAP nach außen „durchsickern“. Für Kliniker ist das eine Spur. Für mich ist es ein Fingerabdruck am Tatort.
Und hier kommt der Punkt, den man in London zu selten lernt: Astrozyten sind nicht nur Bauarbeiter. Sie sind auch politische Akteure. Sie können - je nach Signal - Barrieren stabilisieren oder sie aufweichen. Sie können Immunzellen fernhalten oder sie mit Chemokinen quasi einladen („Kommt rein, hier gibt’s Party!“).
Unter Entzündung können Astrozyten z. B. anfangen,
- Schutzfunktionen zu verlieren: weniger Ordnung an den Endfüßen, schlechtere Glutamat-Aufnahme → mehr „Übererregung“ der Neuronen
- Stoffwechsel umzuschalten: weniger „Laktat-Service“ fürs Neuron, mehr Eigenversorgung (man wird egoistisch, wenn’s brennt)
- Botenstoffe zu produzieren, die Immunzellen anlocken und aktivieren
- und in manchen Kontexten sogar eine Art Erinnerung an Entzündung zu behalten – als hätten sie sich notiert: „Beim nächsten Mal eskalieren wir schneller.“
„Das“, sagte ich zum Team, „ist der Unterschied zwischen meinem Bruder und mir. Er fragt: Wer hat es getan? Ich frage: Wer ist heute Opfer und morgen Komplize?“
Die Szene am Synapsenmarkt: Sabotage mit Glutamat
Um es auch für Laien klar zu machen, benutzte ich mein Lieblingsbild:
„Stell dir eine Synapse wie einen Marktplatz vor. Neuronen brüllen Angebote. Astrozyten sind die Müllabfuhr und das Ordnungsamt: sie räumen überschüssige Botenstoffe weg, puffern Ionen, halten den Platz begehbar.“
Wenn Astrozyten diese Pufferarbeit verlieren, bleibt zu viel „Lärm“ im System: Glutamat kann dann eher toxisch wirken. Das ist nicht sofort ein Knall, eher ein schleichender Brand in der Verkabelung.
Und jetzt wird es herrlich neurodetektivisch: Astrozyten sitzen nicht nur an Gefäßen, sondern auch an Synapsen mit ihren feinen perisynaptischen Fortsätzen. Sie können Synapsen isolieren, modulieren, sogar markieren, damit Mikroglia sie „aufräumen“.
„Wenn du also kognitive Symptome, Fatigue oder Netzwerkinstabilität siehst“, sagte ich, „dann denke nicht nur an ‘Läsion’. Denk an Stadtbetrieb. Denk an Versorgung. Denk an die, die niemand auf dem Titelbild hat.“
Urteil: Zwei Fälle, ein Prinzip
Ich schrieb am Ende zwei Diagnosen auf zwei verschiedene Akten und doch war es ein einziger Kriminalroman:
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Der Anschlag auf die Schleusen
Ein gezielter Angriff auf AQP4/Endfüße → Astrozyten sterben → sekundäre Demyelinisierung/Schaden → dramatische Lokalisationen (Sehnerv, Rückenmark, Hirnstamm-Regionen).
Astrozyten als Opfer.
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Die stille Propaganda im Gewebe
Astrozyten werden reaktiv, verlieren Homeostase, schicken Signale, die Entzündung verstärken oder Reparatur bremsen – aber können auch Gegenregulation versuchen (Barriere-Reparatur, bremsende Immun-Signale).
Astrozyten als Mitspieler – manchmal Brandstifter, manchmal Feuerwehr.
„Und genau deshalb“, sagte ich, „sind Astrozyten die perfekten Figuren in einem Krimi:
Sie sind überall, sie sind vernetzt, sie reagieren auf Kontext und sie machen aus einem lokalen Problem eine systemische Geschichte.“
Zurück in der Baker Street
Wieder in meinem Zimmer ließ ich mich in den Sessel sinken. London rauschte wie ein ferner EEG-Teppich. Ich betrachtete die Akten und dachte mit dem milden Stolz eines Menschen, der die Welt korrekt einordnet:
„Mein Bruder löst Fälle, weil Menschen schlecht lügen.
Ich löse Fälle, weil Zellen gar nicht lügen können; sie folgen nur ihren Signalen. Und das ist, bei aller Tragik, wesentlich eleganter.“
Ich nahm einen Schluck Tee und lächelte. „Die meisten halten das Gehirn für ein Denkorgan. Wie rührend. Es ist vor allem eine Stadt. Und heute Nacht habe ich ihre Schleusen gerettet.“
Euer SherlockMS




