Der Fall der verschwundenen MS-Schubladen

Nr. 38

Der Fall der verschwundenen MS-Schubladen

Es war ein sprichwörtlich Londoner Abend: leichter Regen, Sirenen im Hintergrund, ein Doppeldeckerbus quer in der Kreuzung und mein Bruder Sherlock Holmes unten im Wohnzimmer, der seine Violine so traktierte, als sei sie persönlich an der Kriminalitätsrate Londons schuld.

Ich dagegen hatte etwas Interessanteres vor mir: ein Nature-Medicine Paper mit einem Mega-Datensatz mit tausenden MS-Fällen, zehntausenden Visiten und einem Algorithmus, der klüger rechnet als die meisten Lehrbücher.

Die Frage: Sind unsere Lieblingsschubladen „RRMS, SPMS, PPMS“ in Wahrheit nur eine höfliche Fehleinschätzung?


🗄️ Alte Etiketten, neue Landkarte


Bisher sortieren wir MS brav in drei Kästchen:

  • schubförmig
  • sekundär progredient
  • primär progredient

Praktisch für Formulare und unsere bürokratischen deutschen Kollegen, wissenschaftlich eher grob gestrickt.

Der Algorithmus im Nature Medicine Paper hat all diese Etiketten ignoriert und sich nur die nackten Fakten angesehen:

  • körperliche Behinderung (EDSS, Geh- und Handtests)
  • Summe des Gehirnschadens (Läsionslast + Atrophie)
  • klinische Schübe
  • stille MRT-Aktivität (Kontrastmittelherde ohne Symptome)


Am Ende kam keine neue Buchstabensuppe heraus, sondern eine differenziertere MS-U-Bahnkarte.


🚇 Vier „Linien“ statt drei Schubladen


Damit das Ganze halbwegs merkbar bleibt, habe ich die neuen Zustände übersetzt und umgetauft.
Vergiss EME-MS & Co – wir sprechen ab jetzt von:

  • F-MS = Frühe MS
    • Wenig Schaden, wenig Behinderung – die „blaue Zone“.
  • S-MS = Stille aktive MS
    • MRT brennt, Patient wirkt klinisch ruhig – die „gelbe Zone“.
  • R-MS = Relapsing MS
    • Klassischer Schub mit Symptomen – die „orange Zone“.
  • A-MS = Advanced MS
    • Deutlich behindert, viel Hirnschaden, wenig akute Entzündung – die „rote Zone“.

Der Algorithmus berechnet, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand von einer Zone in die nächste wechselt - wie Umsteigen zwischen U-Bahn-Linien.


Und hier wird es spannend:

  • Man startet fast immer in F-MS.
  • Von dort geht es bei Aktivität in S-MS (stille MRT-Aktivität) oder direkt in R-MS (Schub).
  • Nur über diese aktiven Zustände wandert man schließlich in A-MS.
  • Und aus A-MS geht praktisch niemand zurück. Endstation.

Mit anderen Worten: Jede Episode in S-MS oder R-MS ist ein Umstieg in Richtung rote Linie. Mein Bruder würde sagen: „Der Täter kehrt immer an den Tatort zurück.“
Ich ergänze: „Und jedes Mal nimmt er ein bisschen Gehirn mit.“


📉 PIRA – die stille Verschlechterung als heimlicher Komplize


Der Algorithmus kann auch abschätzen, wie hoch das Risiko für PIRA ist, also Progression, die nicht an einen Schub gekoppelt ist. Das ist die Sorte Verschlechterung, bei der im Arztbrief gern steht: „Kein neuer Schub“, während der Patient sich fragt, warum der Gehstock plötzlich realistischer wirkt.


Das Muster:

  • In F-MS ist PIRA selten.
  • Nach Aufenthalten in S-MS und R-MS steigt das Risiko merklich.
  • In A-MS wird PIRA zum Standardmodus: kaum noch Schübe, aber schleichend mehr Behinderung.

Die Botschaft ist angenehm unromantisch: Jede entzündliche Aktivität – sichtbar oder still – zahlt auf das Konto „spätere stille Verschlechterung“ ein.


💊 DMTs als Spezialkommando


Natürlich wollte ich wissen, was unsere Medikamente in diesem Szenario leisten.

Vergleicht man Patienten ohne Therapie mit denen unter modernen Therapien (DMTs), sieht man:

  • Der Übergang von F-MS in S-MS oder R-MS wird deutlich seltener.
  • Patient bleibt länger in der blauen Zone, betritt die gelbe und orange Linie später oder gar nicht.
  • Der Weg in A-MS verzögert sich, statistisch und klinisch relevant.

Das ist, als würde man zusätzliche Polizeistreifen genau in die Viertel schicken, in denen sonst die meisten Schlägereien stattfinden.


🎩 Was heißt das für unseren Blick auf MS?


Hier kommt der leicht arrogante Teil, für den du mich liest: Wer heute noch so tut, als seien RRMS, SPMS und PPMS drei völlig unterschiedliche Spezies, hat schlicht eine veraltete Karte in der Hand.


Die Daten legen nahe:

  • MS ist ein Kontinuum, keine Dreifach-Schublade.
  • Die relevanten Fragen lauten nicht: „Ist das jetzt schon SPMS?“ Sondern:
    • In welcher Zone befindet sich der Betroffene aktuell – F-MS, S-MS, R-MS oder A-MS?
    • Wie oft besucht er S-MS und R-MS?
    • Wie viel Gehirn ist dabei bereits auf der Strecke geblieben?


Für die Praxis bedeutet das:

  • F-MS behandeln: Früh mit DMTs behandeln, nicht zaudern.
  • S-MS ernst nehmen: „Nur MRT-Aktivität“ gibt es nicht mehr – das ist gelbe Zone auf dem Weg nach rot.
  • R-MS begrenzen: Schübe sind nicht nur störend, sondern echte Weichenstellungen.
  • A-MS vermeiden, solange es geht: Wer dort landet, bleibt in der Regel dort.

🧠 Schlusswort aus der Baker Street


Unten in der Baker Street jagt mein Bruder weiter seinem ewigen Erzfeind Moriarty hinterher. Spektakuläre Fälle mit Diamanten, Erpressung und dramatischen Geständnissen. Ich dagegen jage einen stilleren, aber zäheren Gegner: die schlechte Angewohnheit, MS in grobe Schubladen zu pressen und stille Aktivität zu unterschätzen.

Die neue Daten-Landkarte zeigt, dass Multiple Sklerose eher einem U-Bahnnetz gleicht als drei Endhaltestellen. Und wer die Linien F-MS, S-MS, R-MS und A-MS versteht, kann Therapien gezielter einsetzen, Risiken besser erklären und vielleicht dafür sorgen, dass viele möglichst lange auf der blauen Linie bleiben.

Der Fall „Neue MS-Klassifikation“ ist damit nicht vollständig gelöst. Aber wir haben endlich eine Karte, die den Namen verdient.


Yours, SherlockMS

Referenz