Sherlock MS und die Morde im Medizinschrank

Nr. 46

Sherlock MS und die Morde im Medizinschrank 📜🔪

Ein neuer Fall für mich, der die Niederungen des gewöhnlichen Verbrechens weit hinter sich lässt. Während mein Bruder Sherlock Holmes sich vermutlich die Stiefel an einem Tatort ruiniert, an dem ein Gärtner mit einem Kerzenleuchter erschlagen wurde, sitze ich hier, in meinem Londoner Arbeitszimmer, umgeben vom sanften Prasseln des Regens, und widme mich einem Verbrechen von wahrhaft intellektueller Perfidie.

Es ist ein Verbrechen, das täglich tausendfach auf Rezeptblöcken begangen wird, direkt vor den Augen der besten Ärzte des Landes. Und doch bemerkt es niemand. Ich nenne es: Der Fall der gestohlenen Bedeutung und des phonetischen Verbrechens.


Die Tat: Ein linguistischer Mord


Alles begann, als mir ein Rezept mit einer Arzneimittelverschreibung unter die Augen kam. Darauf stand ein Name, so bar jeder Poesie, so frei von jeglichem Sinn, dass er mein sehr ausgeprägtes neurologisches Zentrum für Ästhetik beleidigte: Myqorzo.

Mein erster Gedanke: Handelt es sich hierbei um ein Medikament oder vielmehr den Endgegner aus einem dieser neuen Videospiele, die die Jugend von heute spielt? Ein Blick in die neuesten Zulassungslisten der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) offenbarte das ganze Ausmaß der Katastrophe: Itovebi, Ogsiveo, Vyjuvek, Tivdak.

Das war kein Zufall. Das war ein systematisches Massaker. Ein Massaker an der Bedeutung, ein systematischer Mord an unserer Sprache. Die Tatwaffe: der dreisilbige Fantasiename.


Die Ermittlung: Die Spur der 2000 Namen


Ich wusste sofort: Dies war kein Verbrechen aus Leidenschaft. Dies war organisierte Kriminalität. Ich begann meine Ermittlungen am Tatort, der Zulassungsbehörde, der selbsternannten „Namenspolizei“. Dort fand ich ihre Leitlinie, ein 27-seitiges Manifest der Bürokratie, dessen Kernbotschaft lautet: Ein Name darf weder geschrieben noch gesprochen zu Verwechslungen führen. Ein hehres Ziel. Doch wie wird es umgesetzt?

Meine Nachforschungen führten mich zu den Naming-Agenturen, den geheimen Waffenlaboren der Pharmaindustrie. Und dort entdeckte ich die Pipeline des Schreckens, die „2000→2“-Spur:

  1. Phase 1: Rund 2000 Namen werden von kreativen Köpfen ersonnen.
  2. Phase 2: Juristen sieben aus, bis nur noch 500 übrig sind.
  3. Phase 3: Linguisten prüfen auf peinliche Bedeutungen in Suaheli oder Mandarin, bis nur noch 50 Namen im Rennen sind.
  4. Phase 4: Am Ende werden der EMA 2 bis 3 Namen vorgelegt, die so sehr durch den Filter der Harmlosigkeit gepresst wurden, dass sie jeglichen Charakter verloren haben.

Ich stelle mir einen riesigen Papierkorb 🗑️ in diesen Agenturen vor, gefüllt mit verworfener Genialität! Namen wie „NeuroBoom“, „Axonator“ oder „Remyelin“. Namen mit Kraft, mit Poesie! Hier wurde nicht nur aufgeräumt, hier wurde vertuscht!


Die zweite Identität: Der wahre Name des Täters


Doch wie jeder Meisterverbrecher hat auch jedes Medikament eine zweite Identität, einen wahren Namen, den es nicht verbergen kann: den Internationalen Freinamen (INN). Eine brillante Systematik der WHO, ein Code, den nur ein überlegener Geist wie der meine zu lesen vermag.

Am Suffix erkenne ich den Täter wie an einem Fingerabdruck:

  • Endet es auf -ase? Ein Enzym! 🧪
  • Endet es auf -vir? Ein Virostatikum! 🦠
  • Endet es auf -tinib? Ah, ein Tyrosinkinasehemmer! Der Täter kommt aus der Kinase-Ecke!

Und dann der Bonus-Plot, der „Mab-Mord“! Jahrelang endeten therapeutische Antikörper auf -mab. Doch die schiere Menge zwang die WHO, das System zu ändern. Vier neue Endungen wurden eingeführt. Jemand hat das Suffix-System „umcodiert“, nicht aus Bosheit, sondern aus schierer Not. Faszinierend!


Meine Deduktion: Kein einzelner Täter, sondern ein ewiger Konflikt


Ich blicke zurück auf die Klassiker, die Koryphäen der Namensgebung:

  • Ritalin: Benannt nach „Rita“, der Frau des Chemikers, die es testete. Eine menschliche Geschichte!
  • Aspirin: Ein chemischer Dreiklang. A für Acetylgruppe, -spir- für Spirsäure. Das war noch Poesie!
  • Veronal: Angeblich benannt nach der Stadt Verona, in der der Erfinder nach Einnahme des Mittels tief schlafend auf einer Zugfahrt erwachte. Welch kriminell charmanter Ursprung!

Und heute? Myqorzo.

Der Fall ist klar. Es gibt keinen einzelnen Bösewicht. Es ist das ewige Spannungsfeld zwischen zwei mächtigen Kräften:

  1. Der Geist des Marketings: Das Marketing will einen glänzenden, unvergesslichen Markennamen.
  2. Der Geist der Patientensicherheit: Dieser Geist will Verwechslungen um jeden Preis vermeiden.

Wer gewinnt in diesem Whodunit? Oft ein fader Kompromiss.


Das Urteil: Der wahre Schuldige ist entlarvt!


Ich lehne mich in meinem Sessel zurück. Die Lösung ist, wie immer, von eleganter Einfachheit. Der wahre Schuldige, die unsichtbare Macht, die über Wohl und Wehe eines Namens entscheidet, die Beinahe-Verwechslungen in der Apotheke provoziert und mich zu intellektuellen Höchstleistungen zwingt, ist kein Mensch und keine Agentur.

Der wahre Täter, mein Freund, heißt... Phonetik.

Ihr SherlockMS

Referenz